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von und für Zaubernde

Das Ende des Stillstand, das Ende der Lethargie – Antonio Gramsci predigte schon unter dem realexistierenden Faschismus, was es bedeutet, eine offene Gesellschaft gesund, ja am Leben zu halten.

Rechtsruck, Terror, global warming, Brexit, Trump und so weiter. Themen, die so allgegenwärtig sind, dass sie schon zum Smalltalk werden. Dabei überwiegt spätestens seit der Präsidentschaftswahl in den USA der große Fatalismus: das Ende der Welt, Atom- und Weltkriege scheinen kurz bevorzustehen. In Endzeitphantasien zu schwelgen mag eine verständliche Reaktion sein. Und es ist ja auch ganz bequem. Denn leider war 2016 kein Jahr, das optimistisch stimmen mag.

Aber welche Schlüsse ziehen wir aus dem Ganzen? Es ist wohl niemandem geholfen, wenn wir den Kopf in den Sand stecken und auf das Ende warten. Die Logik ist klar: Wenn eh alles verloren ist, wozu dann kämpfen?

Was aber dabei verloren geht, ist jegliche Chance auf Handlungsfähigkeit. Wer tut sich mit anderen zusammen und sucht nach Alternativen, wenn sie:er glaubt, dass morgen sowieso jemand den roten Knopf drückt und damit alles beendet?

Wenn die anhaltende Krise des Kapitalismus mit all ihren gruseligen Auswüchsen, von autoritären Herrschern über die zerstörerische Ausbeutung von Mensch und Natur wirklich etwas zeigt, dann, dass es Zeit wird, sich einzumischen.

Antonio Gramsci knows what’s up!

Es braucht heute das, was der Neomarxist und Antifaschist Antonio Gramsci als „Pessimismus des Verstandes“ und „Optimismus des Handelns“ umschrieb. Und zwar nicht etwa als er auf Ibiza am Strand lag und Sangria kippte, sondern als er in politischer Gefangenschaft unter den italienischen Faschisten in einer Gefängniszelle hockte.

Trotz dieser hoffnungslosen Lage schrieb er sein Manifest die „Gefängnishefte“ (ital.: Quaderni del carcere) in 10 Bänden. Alles unter dem kritischen Blick der Wärter und ohne die Gewissheit, dass seine Schriften die Gefängnismauern je verlassen würden. Schließlich war die Position der Faschisten klar und sie äußerten ihre Haltung zu Antonio bei seiner Gerichtsverhandlung recht eindeutig: „We must stop his brain from working for 20 years.”

Trotzdem hat er in seiner Zelle angeschrieben gegen Kapitalismus, Faschismus und Unterdrückung und für die Befreiung aller unterdrückten Klassen (er spricht von subalternen). Wenn das kein „Optimismus des Handelns“ ist, was dann?

Was Gramsci aber auch gesehen hat, war wie der Alltagsverstand der Menschen sie davon abhält wirklich (kollektiv) handlungsfähig zu werden. Selbiger ist ein widersprüchliches Gebilde, in dem sich eben auch verknöcherte Ansichten und falsche Glaubenssätze tummeln.

Wo sind die Alternativen?

Margaret Thatchers „There is No Alternative“ ist einer dieser Sätze, die heutzutage tief in den neoliberalen Alltagsverstand vieler eingegangen zu sein scheinen. Wozu denn an Alternativen arbeiten, wenn es keine gibt?

Erst vor kurzem wurde diese scheinbare Alternativlosigkeit auch wieder von der Politik gepredigt, als es um Freihandelsabkommen wie TTIP ging. Aber sind Kapitalismus, Ausbeutung und Unterdrückung wirklich unveränderbare Tatsachen? Nein. Vielmehr gilt wohl die Aussage der Politikwissenschaftlerin Susan George, die auch als Erwiderung auf Thatcher gemeint war: „There are Thousands of Alternatives!“.

Ullrich Brand, Bettina Lösch und andere, haben in diesem Sinne im Jahr 2012 das Buch „ABC der Alternativen 2.0“ herausgebracht. In Zusammenarbeit mit dem wissenschaftlichen Beirat von Attac, der Rosa Luxemburg Stiftung und der taz, werden darin praktische Ansätze von „Fair Trade“ über „Umsonstökonomie“ oder „Umverteilung“ erläutert und kritisch dargestellt. Viele Alternativen werden schon jetzt gelebt, egal ob in besetztem Wohnraum oder Hausprojekten, in sozialen Bewegungen oder von Menschen, die ihren Alltag bewusst nach ihnen gestalten.

Gramsci ging es letztlich um die Befreiung der subalternen Gruppen, also derjenigen die sich nicht zur herrschenden Klasse oder Elite zählen konnten. Gemeinsam die gesellschaftlichen Verhältnisse zu verändern setzt den Glauben voraus, dass diese zum besseren veränderbar sind.

Ist man hingegen gefangen in einer fatalistischen Grundeinstellung, bleibt nicht viel mehr übrig, als zuzusehen wie das Haus niederbrennt und darüber zu staunen, wie die Tyrannen der neuen Zeit ihre Schlösser auf der Asche neu erbauen. Denn wer nicht kämpft hat schon verloren (sorry! Fünf Euro ins Phrasenschwein).

Lots of Alternatives!

Die Alternative zur Alternativlosigkeit könnte sein, sich zusammen zu tun, über Alternativen sprechen und gemeinsam zu handeln. Denn eins müsste langsam klar geworden sein: der Status Quo und “business as usual” sind keine. Die Möglichkeiten, sich schon jetzt einzubringen, sind vielfältig.

Wie wäre es, Mails zu verschlüsseln, um sich wenigstens ein bisschen vor “Big Data” zu schützen? Oder ein geldloser Einkauf bei Ulla*, der “Umsonstläd*in” der TU? Auch soziale Bewegungen in denen man sich engagieren kann, gibt es viele. Da wäre es z.B. das Bündnis “Aufstehen gegen Rassismus”, die gegen die AfD mobilisieren und “Stammtischkämpfer*innen” ausbilden. Die werden dazu geschult, in ihrem Alltag rechten Parolen und Hetze Argumente entgegen zu setzen.

Natürlich finden sich, besonders in Berlin, noch viele andere soziale Bewegungen und Gruppen, die regelmäßig für Demos und Aktionen mobilisieren. Wie vielfältig die Strategien dabei sind, haben die Aktivist*innen von La:iz im letzten Jahr unter Beweis gestellt: Unter dem Motto “Raus aus den Federn! Rein ins neoliberale Gemenge” organisierten sie eine Kissenschlacht am Grimm Zentrum.

Protest kann auch kreativ sein und trotzdem eine klare Botschaft haben. In diesem Fall wurde diese noch mit einem Banner unterstrichen “Macht’s Spass? Der neoliberalen Uni die Federn rupfen!”.

Wenn das derzeitige System sich also als alternativlos und ewig ausgibt, bleibt doch immer noch die Option, ihm (im Sinne des Liedermachers Hannes Wader) Sand ins Getriebe zu streuen und sich über die Störgeräusche zu freuen. In der Hoffnung, dass das, was danach kommen mag, besser wird.