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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

Wenn in Deutschland „für das Leben“ demonstriert wird, marschieren CDU und die Kirche zusammen mit der AfD: Schritt für Schritt und händchenhaltend gegen Abtreibung und das Recht der weiblichen Selbstbestimmung.

Es ist windig in Berlin, als die Moderatorin im knallgrünen T-Shirt ihre Gäste auf die Bühne bittet. Sechs Jugendliche stolpern zu ihr auf das Podest herauf, etwas unsicher winkend, aber immerhin mit breitem Grinsen. Fast alle tragen sie das gleiche grüne Shirt wie ihre Gastgeberin, auf dem in weißen Lettern steht: „It´s a child, not a choice!“.

Sie stellt die Jugendlichen vor, die aus ganz Deutschland in die Bundeshauptstadt angereist sind, um den Verein „Jugend für das Leben“ zu repräsentieren.  „Großartig!“ ruft die Moderatorin in ihr Mikrofon, „die Jugend ist hier heute zahlreich vertreten. Das zeigt: Die Jugend in Deutschlang ist PRO LIFE!“ Begeisterter Jubel aus dem Publikum, das so rein gar nicht jugendlich aussieht – und auch nicht weiblich. Während auf der Bühne hauptsächlich Frauen sprechen, sind unter den Demonstrierenden mehr Männer als Frauen. Ihr Thema: Das Verbot von Abtreibungen und „das Recht auf Leben“ für Ungeborene.

Die politische Rechte hat sich versammelt

Insgesamt haben sich ca. 5500 Demonstrierende vor dem Berliner Hauptbahnhof versammelt. Neben den grünen T-Shirts wurden unter den Teilnehmenden des sogenannten „Marsch für das Leben“ auch grüne Schilder verteilt. „Echte Männer stehen zu ihrem Kind“ steht darauf, oder „Willkommenskultur auch für Ungeborene“.

Die Veranstaltenden betonen immer wieder, dass es sich um eine überparteiliche und überkonfessionelle Veranstaltung handelt. Nichtsdestotrotz gehören neben der christlichen Kirche auch ausschließlich christlich-konservative bis rechtspopulistische Parteien zum Unterstützerkreis.

Die Gegnerschaft der Veranstaltung muss man nicht lange suchen – man hört sie schon von weiter Entfernung. Mit Sprechchören und Pfeifkonzerten begleiten sie die Kundgebung auf der Gegendemonstration, halten Schilder hoch mit feministischen Parolen. „Nehmt eure Kreuze aus unserem Uterus“ steht da, oder „same shit, different century“ in Anlehnung an den jahrzehntelangem Kampf für mehr Frauenrechte nach vorangegangener jahrtausendlanger Unterdrückung.

Auf der Website des Bundesverbandes Lebensrecht, die den Marsch organisierten, werden sie später als „radikale Feministinnen und Vertreter der Homo-Lobby“ bezeichnet, die zur Terrororganisation RAF gehören würden.

Feministinnen sind Mörderinnen

Ein junger Mann mit Dreitagebart schaut immer wieder wütend zu den „Mörderinnen“ rüber – so nennt er sie, die Gegendemonstrierenden. Sowohl Frauen, die abtreiben, als auch die Ärzt*innen, die die Abtreibung vornehmen, gehören in seinen Augen verurteilt; lebenslänglich wegen Mordes.

Er argumentiert mit Gott und dem heiligen Leben – auf den Einwand, dass nicht jede Frau in Deutschland Christin sei, möchte er nicht eingehen. Für ihn sind sie Fehlgeleitete, die das Heiligste zerstören, das sein Gott geschaffen hat: das Leben.

Aber was, wenn ein Leben ohne Einwilligung geschaffen wurde, zum Beispiel durch eine Vergewaltigung? Gerade die Kirche, die seit Jahrzehnten regelmäßig für ihre Missbrauchsskandale in der Kritik steht, eigentlich ein hauseigenes Thema. Offiziell erwähnt wird es an diesem Tage dennoch an keiner Stelle.

Konfrontiert man die „Lebensbefürworter“ mit der Thematik, reagieren auffallend viele von ihnen wieder mit Gegenfragen: „Was, wenn die Frau sich eine Vergewaltigung nur ausdenkt, um abtreiben zu können?“, „Was kann das Kind dafür, dass es so geschaffen wurde“ oder ein geschmunzeltes „Tja, das ist dann doof, aber was soll man machen, nech?“, sind allen Ernstes die Aussagen derer, die im nächsten Atemzug das Geschenk des Lebens betonen.

Dass in Deutschland Abtreibung faktisch verboten und Frauen und Ärzt*innen unzählige Regeln und Paragraphen entgegenstehen, die eine Abtreibung nur unter streng reglementierten Voraussetzungen zulassen, reicht der „Pro Leben“-Bewegung nicht. Durch die aktuellen Debatten zur Abschaffung des Paragraphen 219a, der die Informationsbeschaffung zur möglichen Abtreibung für betroffene Frauen erheblich erschwert, fühlen sie sich bedroht.

Der letzte Akt des Widerstands

Man müsse jetzt aktiv werden, „bevor es zu spät ist“, warnt eine ältere Frau deshalb mit ernstem Blick. Sie hält ein Schild mit der Aufschrift „Ungeborene sind keine Rohstoffe“ über ihren Kopf und nickt einem jungen Pärchen zu, das ihr zugehört hat. Dann wendet sie sich wieder der Moderatorin im grünen Shirt zu, die „prominente Unterstützer der Bewegung“ aufzählt.

So hätten beispielsweise ganze fünf evangelische Bischöfe in Deutschland – alles Männer – ihre Zustimmung für den Marsch ausgesprochen, was als „unglaublich viel Unterstützung“ gewertet wird. Besonders stolz aber ist man auf Volker Kauder und Horst Köhler, beide CDU, die den „Marsch für das Leben“ im Vorfeld gelobt hatten.

Die AfD wurde in diesem Zusammenhang nicht öffentlich vorgestellt und willkommen geheißen; wohl gefühlt dürften sich deren erschienen Anhänger*innen, angeführt von Beatrix von Storch, dennoch. Zwar verzichtete man in diesem Jahr auf die „Holocaust“-Wortwahl vorangegangener Märsche; nicht aber auf den Vorwurf der „Euthanasie“ und das Beschwören „echter Familienwerte“, die eine Frau „zum wahren Glück“ benötige.

Dazu die Plakate mit ausschließlich blonden, heterosexuellen Familien und die Diffamierung der politischen Linken als „Mörder“ und „Terroristen“: Fertig ist der Protest gegen den modernen Fortschritt und für das Bestehen patriarchaler (und nebenbei auch queer*feindlicher) Strukturen.

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