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von und für Zaubernde

Seit dem 19. Januar hat die Humboldt-Universität eine neue Präsidentin: Sabine Kunst. Sie soll den Exzellenzstatus der Hochschule sichern und die Gremienkultur bändigen. Wir haben Sabine Kunst gefragt, auf welche Weise sie das erreichen will.

Wenn man sich Ihren Lebenslauf so anguckt, könnte man denken: „war schon stressig”.

Es gibt immer Zeiten, in denen es zu viel wird. Ich habe aber gelernt, mich auf bestimmte Sachen zu konzentrieren und andere sein zu lassen. Ich glaube, das ist die Voraussetzung, um besonders intensive Zeiten durchzustehen.
Letztlich ist es sehr wichtig, Netzwerke zu haben, Freunde und Familie, die eine Stütze sind. Dafür muss man sich, aber auch mal die Zeit nehmen, und sich selber kümmern. Auch die Erfahrung von Niederlage, davon, nicht weiterzuwissen, gehört dazu, um zu verstehen, wie es den anderen geht.

An der HU haben im Januar die Studierendenparlamentswahlen stattgefunden. Von rund 38.000 Wahlberechtigten haben nur 500 abgestimmt. Sind die Studierenden politikverdrossen?

Insbesondere die Organisation der Wahlen muss verbessert werden. Wirksamere Bekanntmachungen, zentralere Wahlorte und bessere Aufklärung der Hochschulgruppen. Viele Studenten wissen nicht, welche Gruppe für was steht, sodass oft nur relativ kleine Zirkel Hochschulpolitik machen. Mehr Beteiligung wäre wichtig für die Studenten und für die Hochschule.

Das Parlament selbst hingegen ist eine wichtige Institution an der Universität. Es kann in wichtigen Dingen mitentscheiden. Angefangen von Programmen und Angeboten für die Studierenden bis hin zu einem großen Einfluss auf die Lehre. Zu viele Prüfungen, nicht ausreichend Freiräume, und andere Beschwerden können nur angegangen werden, wenn sich Studenten offensiver für ihre Wünsche einsetzen.

Haben sich die Ansprüche an Studierende verändert? Viele Studierende klagen heutzutage über zu hohen Leistungsdruck.

Die Uni ist schon ein ganz anderer Kosmos als die Schule. Man muss sich sehr umstellen in der Arbeitsweise und Selbstorganisation, um zu überleben. Dieser Schritt ist für viele schwierig und der Druck von allen Seiten scheint unglaublich groß. Deswegen ist es wichtig zu betonen, dass es auch heute kein Problem ist, ein Semester zu verlängern. Die reine Arbeitszeit pro Woche ist bei den allermeisten Studierenden jedoch nicht angestiegen.

Andere Dinge einfach auszuprobieren ist heute aber auch viel teurer geworden. Der Druck ist größer, da heute Auslandsaufenthalte und Praktika zu einer akademischen Ausbildung gehören. Die Anforderungen sind schon gestiegen.

Was sind Ihre Erkenntnisse, die Sie aus Ihren Auslandsaufenthalten gewonnen haben?

Die Erfahrung von Fremdheit. Dass man in einem anderem Land die Minderheit und die Fremde ist. Dass man darauf achten muss wie eine andere Gesellschaft funktioniert. Es ist aber auch eine Herausforderung, grundsätzlich erst einmal Anschluss zu finden, sich verständlich zu machen und selbst zu organisieren.

Wie könnte man mehr Studierende dazu motivieren den Schritt ins Ausland zu wagen?

Ein Reinschnuppern mit Erasmus ist relativ einfach zu organisieren. Die Aufenthalte werden aber immer kürzer. Da muss man natürlich schauen, dass es gelingt, tief genug einzutauchen.

Mehr internationale Studiengänge wären ebenfalls sehr gut. Hier verbringt man regelhaft ein Semester im Ausland. Internationales Studieren steht und fällt mit der Betreuung, und hier sollten deutsche Universitäten mehr machen.

Die Exzellenzinitiative geht 2017 in die dritte Runde. Was haben wir als Studierende davon, wenn unsere Uni “exzellent” ist?

Die HU und die FU haben deutlich an Reputation gewonnen. Die Exzellenzinitiative sollte international kompetitive Forschung einwerben. Und der Erfolg gibt ihr auch Recht. Unklar ist jedoch, inwieweit sich das auf die Studierenden auswirkt. Was hat man davon, an einer Exzellenzuniversität zu studieren, und juckt mich das eigentlich? Bisher betreffen die positiven Entwicklungen nur einen kleinen Teil der Studierenden, und genau das soll sich ändern, um zum Beispiel auch weiter mit nordamerikanischen Universitäten zu konkurrieren. Wir wollen unser eigenes Licht nicht unter den Scheffel stellen.

Lassen Sie uns den Teufel einmal an die Wand malen: Was ist denn, wenn es nicht klappt?

Malen wir den Teufel mal lieber nicht an die Wand: Das wäre Schiete, ganz norddeutsch. Und zwar deshalb, weil die Gesamtfinanzierung darauf angewiesen ist, dass die Humboldt exzellent wird. Alle neuen Einrichtungen laufen im Moment sehr stark über diese zusätzlichen Ressourcen, so dass Alternativen nur mit viel Kopfzerbrechen zu finden wären.

Immer mehr junge Menschen mit Abitur streben an die Unis. Eigentlich ganz schön, aber es bringt auch Probleme mit sich, oder?

Man muss mit den unterschiedlichen Studierenden richtig umgehen können. Denn bei einer Abiturientenquote, wie wir sie zur Zeit haben, sind nicht alle hochbegabt. Viele wollen auch eine Ausbildung machen und zu viele kommen gar nicht ans Ziel. An der Humboldt nicht erfolgreich zu sein, soll den Studierenden nicht das Gefühl geben, grundsätzlich gescheitert zu sein. Der Austausch zwischen Schule, Universität und anderen Berufs- und Ausbildungsfeldern muss vereinfacht werden. Dafür möchte ich mich als Präsidentin einsetzen.

Welchen Tipp fürs Studium, fürs Leben würden Sie den neuen Erstis mitgeben wollen?

Guckt euch in Ruhe die Uni an, findet schnell Arbeitsgruppen, mit denen zusammen man die ersten Schritte machen kann, und habt mit euch selbst Geduld.

 

Ihr habt immer noch nicht genug?! Okay! Hier findet ihr hier das ganze Videointerview:

 

Das Interview führten: Tilla Kross, Patrick Müller, Martin Schälicke, Franziska Schulz