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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Eine Welt ohne Feminismus ist eine Welt ohne Liebe. Ein Plädoyer fürs gemeinsame Tanzen.

Schon als kleines Kind war ich immer fasziniert von außergewöhnlichen Frauenfiguren: Frauen der Literatur, Kunst, Kultur. Angefangen hat es bei Ronja Räubertochter. Es ging dabei nicht nur um Bewunderung, sondern um Orientierung, um Suche. In der Kleinstadt, in der ich meine Jugend verbracht habe, war meine Mutter die einzige, die Vollzeit arbeiten ging und so etwas wie eine Karriere hatte. Ich hörte nicht selten, besonders von pubertierenden Jungs, dass ich eine Feministin sei. Damals fühlte ich mich eher unsicher mit dieser Bezeichnung. Heute bin ich mir sicher: Ich bin Feministin!

Nicht jede würde das ohne Vorbehalte von sich behaupten. Ich höre oft so etwas wie „Nee Feministin bin ich nicht, aber natürlich bin ich für Gleichberechtigung.“ Ich finde so eine Aussage sehr verwirrend und widersprüchlich. Ist Feministin und für Gleichberechtigung zu sein nicht dieselbe Sache? Es scheint große Unsicherheiten zu geben, was diesen Begriff angeht. Und das, obwohl frau an jeder Straßenecke oder mindestens in jedem Seminar eine Genderdiskussion führen kann. Okay, es ist viel kompliziertes Zeug: Frauenbewegung, Feminismus, Sexismus, Wahlrecht, Antibabypille, BHs verbrennen, Achselhaare. Etwas in Frage zu stellen ist komplex und unbequem und anstrengend. Im Bett liegen und The Big Bang Theory gucken ist wirklich gemütlicher (übrigens eine echt sexistische Serie – und das für beide Geschlechter).

Bedauerlicherweise denken viele bei der Bezeichnung Feministin immer noch an Alice Schwarzer. Richtig blöde Sache! Ist sie das doch gerade nicht. Feminismus bedeutet nicht Männerfeindlichkeit. Doch bei so gut wie jeder Freiheitsbewegung schwingt eine gewisse Radikalität auf dem Weg mit. Sozusagen das Weg-Bier zwischen Vortrinken und Party. Eigentlich zu viel, aber frau kann sich daran festhalten. Wenn frau erst fünfzehn ist, ist es vielleicht auch Weg-Wodka, von der Party kriegt frau dann allerdings wenig mit. Also wollen wir großzügig und klug sein und sehen die Extreme dem Entwicklungsprozess nach. Alice hat bis heute noch keine Party gefeiert.
Wenn wir schon mal versuchen großzügig und klug zu sein, muss erwähnt werden, dass ich natürlich hin und wieder auch höre: „Klar bin ich Feministin!“ So eindeutig kommt das allerdings selten von Männern. Warum das so ist, verstehe ich nie. Es scheint, als seien Männer häufig etwas zu vorsichtig mit diesem Thema, wollen nichts Falsches sagen, es geht ja schließlich um die Ungleichbehandlung von Frauen. Aber wenn frau eine Sache denkt, muss frau da nicht auch ihr „Gegenteil“ denken oder so ähnlich? Okay, lassen wir die Philosophie beiseite und werden praktischer: Wenn es ein starres, in Schema X gepresstes Frauenbild gibt, so gibt es ein ebenso starres Männerbild. Auch Männer sind Opfer von Sexismus. Ungleichbehandlung des einen wirkt sich immer zugleich auf den anderen aus. Sexismus, Rassismus, Kapitalismus und – wenn man so weit gehen möchte – Speziesismus, sind die nicht alle Nachbarn? Teenager-Mädchen werden angefeuert, wenn sie mit einem anderen Mädchen rumknutschen. Jungs hingegen werden mehr Steine in den Weg gelegt, wenn es darum geht, sich dahingehend auszuprobieren. An dieser Stelle sei dann auch gleich mal gesagt, dass es Schwachsinn ist, dass die klugen Jungs, die den Eiweißshake durch ein Buch ersetzen, kein Sozial- und Liebesleben hätten (wahrscheinlich werden die einfallslosen Autoren von The Big Bang Theory das hier nicht lesen).
Es erscheint mir also völlig logisch, dass auch Männer Feministen sein sollten. Jede sollte Feministin sein. Doch der Begriff Feminismus ist offensichtlich nicht ausreichend, steckt darin doch explizit das Wort Frau und wenn überhaupt eher implizit Mann. Ein anderer Begriff ist da offener: Sexismus. Ließe sich dann sagen „Ich bin Antisexistin“? Logisch. Auf einer Party kann man tanzen wie man will, solange alle zusammen tanzen.

Canan Denli

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