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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Seit dem 22. September sind sie omnipräsent: Witze über die Wahlniederlage der FDP.
Weil uns das zu einfach ist, fragen wir uns eher woher dieser Spott kommt und ob er berechtigt ist (kleiner
Tipp: Die Antwort darauf steht bereits in der Überschrift)

RON SOMMERFELD

Jede(r) kennt solche Situationen: Man sitzt nachmittags im Seminar, das eigentlich seit fünf Minu- ten offiziell vorbei ist. Der Blick auf die Uhr verrät, dass man den Regionalzug vielleicht doch gerade noch bekommen könnte, was wichtig wäre, da doch nachher noch ein Termin ansteht… und dann hebt die Kommilitonin direkt neben einem die Hand. Sie fragt, ob es möglich wäre, noch einmal auf den dritten Punkt des Seminarplanes einzugehen, weil dieser doch klausurrelevant sei und sie noch nicht alles ganz verstanden habe. Man selber hat vor fünfundvierzig Minuten aus dem Augenwinkel sehr gut gesehen, wie sie während der Zeit, in der Punkt drei besprochen wurde, schwer damit beschäftigt war, mit ihrem Smartphone virtuelle Süßigkeiten zu stapeln. Die Dozentin kommt der Bitte natürlich nach und durch das angelehnte Fenster kommt es einem so vor, als könne man in der Ferne den abfahrenden Regionalzug hören. Später am Bahnhof wartet man dann verärgert bei herbstlichen Temperaturen, als plötzlich dieselbe Kommilitonin an einem vorrübergeht und ihr dann ungeschickterweise beim Telefonieren das Handy aus der Hand rutscht und auf dem Boden zerschellt.
Das Gefühl, das man dann hat: dieses leichte Kribbeln, dieses heimliche Schmunzeln, das schnelle Wegdrehen – das ist die Schadenfreude.
Abgesehen davon, dass mittlerweile im Bundestag Kinderlieder gesungen und plumpe Wortwitze gerissen werden, wird man an sich niemals müde zu
beteuern, wie volksnah man doch sei, wie menschlich man geblieben ist. So stellt sich darauf die Frage, inwieweit dann auch so etwas Menschliches wie die Schadenfreude in der Politik erlaubt ist? Darf man sich über den Untergang einer ehemals ehr- würdigen Partei lustig machen und Witze reißen? Darf man darüber lachen, dass die FDP genauso drastisch zerschellt ist wie ein iPhone, das auf den Boden gefallen ist? Ich denke ja.
Wenn man ehrlich ist, nervt es doch ziemlich, dass es in der deutschen Politik gang und gäbe geworden ist, dass geheuchelte menschliche Reaktionen für Selbstbeweihräucherungen instrumentalisiert werden. Man schaue sich nur die übertriebenen Reaktionen auf Parteitagen an: Nach “wichtigen“ Redebeiträgen werden diese oftmals mit schon lächerlich ausgedehnten, RTL-haft wirkenden „Standing Ovations“ bejubelt, dass man zu Hause vor dem Fernseher ernsthaft überlegt, ob man nicht noch schnell bis zum nächsten Redebeitrag eine Staffel Breaking Bad schaut oder kurz die Großeltern im Schwarzwald besuchen fährt.
Wenn die Politik menschliche Gefühle als Mittel der Inszenierung einsetzt, muss man auch damit leben, dass es menschliche Gefühle zum Untergang einer Partei gibt – und das Gefühl der Schadenfreude kennt man auf der ganzen Welt.
Neid und Antipathie sind die Ursachen für dieses Gefühl und für beides hat die FDP in den letzten Monaten vor der Wahl reichlich Gründe geliefert.
Es ist wahrlich eine Form von Neid, wenn man mit- bekommen hat, wie einfach und offen Lobby-Politik durchgesetzt wurde (Stichwort Hotelsteuer), während andere auf die Straßen gingen, zu Demonstrationen aufriefen und im Großen und Ganzen gesehen, nicht viel erreichen konnten. Ironisch wird es dann noch, wenn sich diese Leute für Themen stark gemacht haben, die eigentlich Themen einer liberalen Partei gewesen wären, wie etwa die gänzliche Aufklärung der NSA-Affäre, welche erst genauerer Beachtung geschenkt wurde, als herauskam, dass Angela Merkels Angry Birds Highscore gelöscht wurde.
Noch viel mehr jedoch dürfte die Schadenfreude über das Versagen der FDP durch Antipathie entstehen. Es geht dabei gar nicht um die genauen politischen Vorgänge, um das Verhältnis zur CDU/ CSU oder um die Rollenverteilungen in der Partei, usw., sondern ganz alleine um das Bild, das die FDP in den letzten Jahren von sich gezeichnet hat. Wie erklärt man z. B. 11.000 Angestelltinnen von Schlecker, dass sie arbeitslos geworden sind, weil die FDP eine rettende Finanzspritze von 71 Millionen € als Eingriff in die freie Marktwirtschaft abgelehnt hat und gleichzeitig Millionenbeträge für Fußballstadien oder Milliarden für Flughäfen vorhanden sind? Das ganze Verhalten der FDP wirkte in den letzten Monaten vor der Wahl dermaßen unbeholfen, dass man sich doch teilweise gefragt hat, ob das überhaupt alles ernst gemeint sein soll. Der Höhe-
punkt wurde dann kurz vor der Wahl erreicht, als die Partei nach der desolaten Landtagswahl in Bayern offen mit einer Zweitstimmenkampagne warb, obwohl Phillip Rösler 2011 bei seinem Amtsantritt als Parteivorsitzender meinte, dass dies das unwürdigste sei, was der Partei jemals passieren könne. Es ist schade, dass es keine liberale Partei im 18. deutschen Bundestag geben wird, aber genauso schade ist es, dass es auch schon lange vor dem 22. September 2013 keine liberale Partei mehr im Bundestag gegeben hat. „Liberale sein“ bedeutet nicht nur, seine eigene Freiheit zu sichern und sich Vorteile zu ermöglichen, sondern auch die Freiheit anderer zu garantieren und ihnen Chancen zu bieten. Das ist allerdings nicht zu vereinbaren mit Lobbypolitik.
»Sei denn dies dein Abschiedszeichen«, schrie ich, »Unhold ohnegleichen!
Hebe dich hinweg und kehre stracks zurück in Plutos Sphär`!
Keiner einz`;gen Feder Schwärze bleibe hier, dem finstern Scherze
Zeugnis! Laß uns unsern Schmerze allein! -; hinweg dich scher!
Friß nicht länger uns am Leben! Pack dich! Fort! Hinweg dich scher!«
. . . . . . . Denn der Wähler sprach, »Nimmermehr.«
Leicht veränderter Ausschnitt von Edgar Allen Poes Der Rabe.

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