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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Wenn feiern und saufen ins Spiel kommen, fällt die politische Botschaft schon mal vom Tisch. Gierige Malle-Touristinnen sind aber gleich zur Stelle, um sie sich einzuverleiben.

Ein grauer Sonntag in den Neunzigern. Über meinen Dschungelbuch-Leggins darf ich ein riesiges altes Herrenhemd von meinem Vater tragen. Means: Tusche-Time! Wir breiten Zeitungspapier auf dem Wohnzimmerboden aus und malen Fantasietiere.

Dabei werden Platten gehört. Unangefochtener Favorit meines fünfjährigen Selbst: ein sehr hüpfbares vermeintliches Sauflied einer niederländischen Band. Nananananaaaanananananananananananaaaanananana. Die Gruppe Bots (niederl. Botsen = zusammenstoßen) schmettert den Song „Zeven dagen lang“  mit süßem Rudi-Carell-Akzent und verleitet mich zu einem das Zeitungspapier zerreißenden Stampf-Klatsch-Konzert.

Seit einem Auftritt von Rock gegen Rechts 1979 bringt das Lied die deutschen Protestlerinnen ebenfalls zum Wippen und Hoppsen. Außerdem bekam die Band das Angebot, ihre politischen Arbeiterinnensongs einzudeutschen. An den Zeilen, die in der westdeutschen Friedensbewegung der 70er  große Popularität erlangten, war wohl kein geringerer als Investigativjournalist Günter Wallraff beteiligt. Nur so als Funfact.

Der deutsche Text wird häufig auf die erste Strophe

 

„Was wollen wir trinken, 7 Tage lang, was wollen wir trinken, so ein Durst. Es wird genug für alle sein, wir trinken zusammen, roll das Faß mal rein, wir trinken zusammen, nicht allein.“

beschränkt und erscheint  dadurch eher auf würdevollen Compilations wie Fetenhits 96 und Kopfschuss-Partykracher und auch die nachfolgenden Bearbeitungen durch andere Künstlerinnen, bei denen die Melodie als Samplinggrundlage dient, lassen eher nicht an Friedensmärsche und Anti-Atomkraft-Demos denken.

So lässt beispielsweise ein mit schwarzen Balken bemalter H.P. Baxxter das schwitzende Publikum zwischen „How much is the fish“ Geschreie zu der eingängigen folkigen Hüpfmelodie jumpen. Auch so angenehme Gesellen wie De Höhner und Mickie Krause lassen es sich nicht nehmen, das Lied als Mitgröhler an Festzeltgäste  und Malle-Besucherinnen anzupasssen, dabei die politische Komponente aber geflissentlich auszuklammern.  Denn de Bots wollten natürlich nicht nur gemeinsam trinken, sondern auch schaffen und streiten „für ein Leben ohne Zwang“. Auch KIZ haben überraschenderweise  für diesen Part des Songs nicht so viel übrig und texten in „Was kostet der Fisch?“ stattdessen:

„Was sollen wir trinken unser Leben lang, jeden Tag bis zum Absturz? Bis wir erblinden und unsere Leber schreit. Was sollen wir trinken? Absinth!“

Jetzt sind wir fast einmal durch die Geschichte des Samplings durch und könnten erbost über Werteverfall und Verblödung, Generation X und „Eisgekühlter Bommerlunder“-Schreierinnen schimpfen. Schaut man sich allerdings jetzt nochmal an, woher denn die Bots wiederum ihre Inspiration eigentlich hatten, stößt man auf das bretonische Folkslied „Sona Ar Christr“, das „Lied vom Cidre“, das 1929 von zwei (wahrscheinlich sturzbetrunkenen) Teenagern geschrieben wurde. Nix Frieden und Abstinenz. Wir können ohne schlechtes Gewissen weiterschunkeln.

Danke Papa! I learned my lesson well.