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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Am 20.03.2014 ist die Premiere der Performanceverfilmung “Moskauer Prozesse” von Milo Rau. Zur Quelle war schon gestern bei der Vorpremiere in der Schaubühne Berlin. Für euch gibt es hier einen ersten Einblick.

Wir wissen alle von Pussy Riot und ihrer politischen Perfomance in der Moskauer Erlöserkathedrale. Wir kennen das Urteil, das zwei Mitglieder der Punkband zu Lagerhaft und ein Drittes, Katja Samuzewitsch, zu Bewährung verurteilt. Die Proteste und unterstützenden Gesten für die drei Frauen waren international, doch ist der harte Durchgriff Putins gegen die Kunst nicht der Erste.
Milo Rau setzt seine Performance an früheren Prozessen an und lässt dabei nicht Schauspielerinnen, sondern Beteiligte der Prozesse zu Wort kommen. Es treten professionelle Anwältinnen, Zeuginnen und Politikexpertinnen mit verschiedenen Standpunkten auf die Bühne, oder besser gesagt in den Gerichtssaal, denn in dem Nachbau im Sacharow-Zentrum treffen Katja Samuzewitsch (Pussy Riot), Maxim Schewschenko (Moderator des Staatsfernsehens), Wsewolod Tschaplin (Erzpriester) und der Philosoph Michail Ryklin aufeinander. Eine Mischung, die reale Konflikte und Argumente mit offenem Ausgang neu verhandelt. Vielen Beteiligten geht es nicht um den Dialog, den Milo Rau schaffen will, sondern um ihr Recht und das Gefühl, eine Mehrheit zu repräsentieren. Kreuzverhöre und Plädoyers verdeutlichen die verhärteten Positionen, besonders auf der konservativ-orthodoxen Seite, während Russlands Gesellschaft die Moskauer Prozesse nicht interessiert, denn zwischen den wenigen Kulturinteressierten, deutschen Journalistinnen und ein paar Vertreterinnen der Opposition befindet sich niemand der russischen Presse. So geht es nur in der Performance heiß her, bis plötzlich die russischen Behörden die Visa des gesamten Filmteams kontrollieren und so die Inszenierung unterbrechen. Nach einer unnötigen Verwarnung geht es weiter, bis schon kurz darauf die ultraorthodoxen Kosakinnen vor der Tür stehen, die sich in ihrem Glauben verletzt fühlen. Wo sich gerade die Parteien noch hasserfüllt gegenüberstanden, stehen sie nun geschlossen vor den Kosakinnen. Und nun kommt auch die russische Presse nicht um die Berichterstattung. Genug gespoilert!
Milo Rau inszeniert drei tagelang drei Fälle, die gegen die Kunst und die Künstlerinnen geführt werden. Die Ausstellungen Achtung Religion und Verbotene Kunst haben mit dem Auftritt von Pussy Riot die Gemeinsamkeit, dass sie beschuldigt werden den russisch-orthodoxen Glauben verletzt zu haben. Politische Kritik scheint dabei keine Relevanz zu haben, denn es geht um die Entweihung von sakralen Orten und Symbolen, um die Absicht der Kunst und um die Überschreitung einer moralischen Grenze. Alles Meinungsfreiheit würde man sagen, doch in Russland stehen Staat und Kirche eng beieinander. Jede weiß, dass das Urteil nur eine Schuldige gesucht hat, an der ein Exempel statuiert werden kann. Und jede weiß, dass der verletzte Glaube nicht der einzige Aspekt der Verurteilung war. Weil das russische Gericht nicht unabhängig ist, versucht Milo Rau durch ein Geschworenengericht, das einen Querschnitt der russischen Bevölkerung bildet, ein repräsentatives Urteil zu erwirken. Auf die Frage, ob die Gefühle der Gläubigen verletzt wurden, sind die Geschworenen mit 3 dafür, 3 dagegen und einer Enthaltung unentschieden. Auf die zweite und entscheidende Frage, ob dabei ein Vorsatz vorhanden war, einigen sie sich deutlicher.
Von Beginn an bestand für Milo Rau die Gefahr Pussy Riot erneut zu verurteilen und so das verstörende und widersprüchliche System, die russische Gesellschaft zu bestätigen. Was passiert, verdeutlicht einen Riss durch die russische Gesellschaft.
Die Moskauer Prozesse führen zu einem internationalen Skandal, zum Einreiseverbot für den Regisseur und gesperrtem Filmmaterial. Milo Rau dokumentiert in seinem Film Moskauer Prozesse die historischen und politischen Hintergründe der Prozesse gegen Achtung Religion, Verbotene Kunst und Pussy Riot und lässt einen Dialog zu, den es in der Realität nicht gegeben hat. Seine Fiktion demaskiert das russische Gericht, die Kirche und den Staat.

Link zum Trailer, Kinos und Terminen: http://bit.ly/1gaYLIw

Jan Russezki