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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Was kann Seoul, was Berlin nicht kann? Und wie schmeckt der Schnaps dort?

Vildan vermisst das türkische Essen ihrer Mutter. Und das, obwohl es in ihrer studienbedingten Wahlheimat Seoul Imbisse in reicher Fülle gibt. Immerhin ist das so ziemlich das einzige, was sie vermisst. Denn nach zwei Jahren Koreastudien in Berlin hat sie sich zu einem interkontinentalen Haupstadtwechsel entschieden.

Jetzt verbringt Vildan ihr drittes Studienjahr in der Hauptstadt von Nordkoreas superheißer Schwester. Die atomaren Zickereien der beiden lassen die meisten Koreanerinnen übrigens genauso kalt wie die Klimaanlagen im 36 Grad hotten Sauna-Sommer.

Die meisten müssten wohl den größtannehmbaren Kulturschock erwarten, hat sie doch schon Jamie Lee Krevitz‘ Frisur arg vor den Kopf gestoßen, als sie beim Eurovision Song Contest einzelne asiatische Bräuche mundgerecht aufbereitete. Vildan aber blieb davon verschont.

Durch ihr Studium hat sie sich schon vorher die Grob- und Feinheiten der südkoreanischen Kultur angeeignet angeeignet. Diese Berge an Wissen eignen sich perfekt als Landmarks für die Navigation durch den koreanischen Alltag.

Sonbaes und Hubaes

Anders als die kleine Jamie Lee es in ihrer Heimat erfahren hat, reden Koreanerinnen zum Beispiel immer respektvoll voneinander. Die Älteste wird als Stammhalterin und Leader respektiert. Hierarchie ist den Koreanerinnen wichtig, schon Konfuzius legte Wert darauf.

Hier schlagen dann auch Vildans türkische Wurzeln durch – das mit der Hierarchie kennt sie nämlich. Anders als in der Türkei kann das in Korea aber auch miese Nachteile haben. An der Uni schließen Sonbaes (Seniors) zum Beispiel schon mal Hubaes (Freshmen) aus Projekten aus, wenn diese sie nicht aufmerksam genug behandeln.

Abgesehen davon fühlt Vildan sich in ihrer Teilzeitheimat wohl. Auch die Tatsache, dass sie schon vor Beginn des Austauschjahrs einen koreanischen Freund hatte, mit dem sie jetzt zusammenlebt, hat einiges dazu beigetragen. Er hat ihr im Alltag und mit der Sprache geholfen, weil sie sich fast nur auf Koreanisch unterhalten.

Soju in Sul-Jibs

Außerdem hat seine Familie, die sie auch im Laufe des Jahres kennengelernt hat, ihr Kulturverständnis aufgebessert und ihr Dinge wie die koreanische Teezeremonie beigebracht, die im akademischen Kulturunterricht völlig untergehen.

Großartig feiern war Vildan noch nicht. Sie zieht die koreanischen Sul-Jibs (Alkoholhaus) im Seouler Szenedistrikt Shincheon vor. Diese bieten vor allem Südkoreas Lieblingsschnaps Soju an. Die Snacks dort sind natürlich nicht so gut wie das Essen ihrer Mutter.

Doch das hält sie nicht davon ab, sich dort freitags mit Freundinnen zu treffen und die Woche gechillt ausklingen zu lassen. In Sachen Feierabend sind die Kulturen manchmal dann doch nicht so unterschiedlich.

 

 

Foto: Evelyn Chu