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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Für junge Leute ist wohl Sankt Petersburg die attraktivste russische Stadt und das hat zwei Gründe. Erstens: Seit September studiert Mehmet hier. Zweitens: Studierende kommen hier auf ihre Kosten. Denn Kunstausstellungen, Bars, Konzerte und natürlich wilde Partys sind  in der nördlichsten Millionenstadt der Welt der beste Weg, um sich warmzuhalten – Vodka, tanzen …  geil!

Sankt Petersburg wirkt an manchen Tagen aber irgendwie zerrissen. Zwar ist die Stadt westeuropäisch, locker und in bester Partylaune, doch da ist eben auch das andere Russland mit seiner Korruption, Autokratie und Angepasstheit. Überall in der Stadt gibt es Stände mit Wladimir-Souvenirs. Touristinnen sehen darin vor allem Scherzartikel, doch viele Russinnen tragen ihr Putin-Shirt mit Inbrunst.

Auch an der Uni wird Systemkritik gerne runtergeschluckt und überall patrouillieren Sicherheitskräfte. Da hast du es nicht leicht, als herrschaftskritische Politikstudierende. Davon mal abgesehen: Sankt Petersburg ist wirklich großartig!

Erasmus Sankt Petersburg

Und Mehmet kann das beurteilen, denn er hat schon vielerorts studiert: in Gießen, Heidelberg, Trondheim und seit diesem Herbst eben in »Piter«, wie Sankt Petersburg von seinen Bewohnerinnen liebevoll genannt wird. Während seines ersten Erasmusstudiums in Trondheim habe sein Fokus fast ausschließlich auf Partys, Reisen und Frauen gelegen, aber das wäre jetzt anders – außer das mit den Frauen!

Mehmet sagt, er habe dazugelernt und gehe seine Monate in Russland nun ganz anders an. Der Kultur, den Menschen und der Stadt wolle er viel mehr Zeit und größere Aufmerksamkeit schenken. In Trondheim hat er in einem entspannten Wohnheim mit Studierenden aus aller Welt gelebt – mit jeglichen Freiheiten. Und da ging schon so einiges – in jeder Hinsicht – das verstehe sich. Auch wenn die Norwegerinnen immer einige Drinks bräuchten, um ihre introvertierte Art abzulegen und sich »mal ein bisschen locker zu machen«.

In Russland scheint das ganz anders zu sein. Da kommt es schon mal zur unverbindlichen (aber hoffentlich geschützten) Nummer in einem der (im Gegensatz dazu recht un-)geschützten Hinterhöfe Sankt Petersburgs. Und dafür ist nicht einmal die große Menge Vodka nötig, wie es den Russinnen immer nachgesagt wird. Schaden tut der Fusel aber dennoch nicht, höchstens am nächsten Morgen – Auslandsstudium halt!

Offiziell geht Mehmet zur Heidelberger Partneruni, aber das Studium stand schon in Trondheim eher hinten an. Anstatt zu behaupten, er könne die Marginal Rate of Substitution for Inferior Goods berechnen (kann er wirklich nicht), möchte Mehmet zumindest nach diesem Semester stattdessen sagen können, dass er viele Freundschaften geschlossen und einfach unvergessliche Erfahrungen gesammelt hat. »Piter« bleibe für ihn in Russland auf jeden Fall »the place to be«. Allerdings nur noch für ein paar Monate – denn dann muss Mehmet die Stadt an der Newa wieder verlassen.

Robert Tiede

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