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von und für Zaubernde

Kunst, Kultur und Kapitalismus – Erasmus in London ist bittersüß und mitunter reichlich trostlos.

Trotzdem:

London is the Place for me

Kann man von Glück sprechen, wenn man zur letzten Generation gehört, die ihren Erasmus-Aufenthalt wirklich genießen kann? Im Nachhinein ist Charlotte jedenfalls froh, dass ihr Erasmusjahr in London schon vor dem 23. Juni 2016 vorbei war.

Während die Brexit-Debatte am Anfang des Jahres noch sachlich und kühl geführt wurde, war sie am Ende nämlich so zornig und wild, dass Charlotte lieber schnell das Land verließ. Außerdem reichten die 250 Erasmus-Euros nur für einen Kaffee am Tag. Was zusammen mit der politischen Stimmung in ihrer Umgebung eine Trostlosigkeit aufkommen ließ, die so niederschmetternd war wie die Perspektiven in dem Londoner Vorort, in dem Charlotte finanziell bedingt wohnte.

Erasmus in Lodon: Die Uni fordert alles

Auch in der Uni musste Charlotte alles geben. Das Arbeitspensum der englischen Eliteschmieden ist immens, und der sehr persönliche Kontakt mit dem Lehrpersonal machte es schwierig, den Kater in den hinteren Stuhlreihen auszuschlafen. Darum beschloss sie, sich auf dem akademischen Parkett so zu verausgaben wie sonst nur auf Berlins Dancefloors.

In London sind die Bibliotheken nämlich auch am Wochenende länger geöffnet als jede Disco – und günstiger. Die öffnen nämlich nur von 22 bis 3 Uhr und Bier ist fast unbezahlbar (6€+). Charlotte wich stattdessen vor allem auf sit-ins mit anderen Erasmusstudierenden aus. Zwar unterforderten diese Charlotte mit ihren Uni-Gesprächen und »werkenntwen«-Themen. Gleichzeitig bestachen sie aber auch durch süße südeuropäische Boys, die besser knutschten als Englisch sprachen.

Erasmus in London: Die Architektur ist brutal

Die Kulisse bildeten Studierendenbuden, deren Bausubstanz das asbestfürchtige deutsche Herz erschüttern ließe. London sticht unter den Erasmusstädten nämlich vor allem durch die Kluft zwischen Qualität des Wohnraums (niedrig) und Mietpreis (hoch) heraus.

Dazu kommt das sonderbare Phänomen des Brutalismus, einer architektonischen Stilrichtung, die vor allem in den Fünzigern den »trostlose Großstadt«-Look in London auf die Spitze getrieben hat. Charlotte aber inspirierte der kahle Beton. Sie ließ sich ein Tattoo stechen, besuchte Vorträge über spekulativen Realismus und stand nackt Modell für eine Fotografin.

Der Horizont, der sich Charlotte in London eröffnete, erstreckte sich weit über die Wolkenkratzer der City hinaus. Er gab ihr zum ersten Mal das Gefühl, Teil einer kosmopolitischen, engagierten Schicht von jungen Kreativen – in London liebevoll Yuccie genannt – zu sein, die muffige Berliner Clubkids nur beneiden können.

London brachte Charlotte zwar ans finanzielle Limit und bescherte ihr zeitweise kapitalismusinduzierte, depressionsartige Maniezustände, ließ sie aber auch vom süßen Leben eines global citizen in einer spannenden Metropole kosten.

Foto: Flickr | Pedro Szekely | CC BY-SA 2.0