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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Tanz, Taumel, Tollwut: Erasmus in Istanbul.

Erasmus in Kopenhagen. Klar. In Madrid. Natürlich. In Istanbul. Logo … nein, halt! So manch eine mag die Stadt am Bosporus nicht automatisch als eine Erasmusstadt geläufig sein. Doch brummen gerade hier die Motoren, sowohl die der Kraftwagen in den nahezu endlosen Staus der Stadt als auch die einer wahren Erasmusindustrie.

Wer mit dem Bus vorankommen will, muss zwischendurch aussteigen und am Stau vorbeigehen, um in den nächsten Bus weiter vorne zu steigen. Überholen à pied – wie die Osmanin zu sagen pflegt. Dieses Spiel könnte auch Sisyphos gefallen, scheint es bei diesen endlosen Staus ja nahezu kein Ankommen zu geben. Doch letztlich kommt man eben doch irgendwann an seinem Ziel an. Die Uni ist dies für die meisten nicht. Sagt jedenfalls – nennen wir sie Lisa – Lisa, die ein Semester in Istanbul verbrachte.

Auch hier folgen die meisten Austauschstudierenden nämlich dem animalischen Ruf des Erasmus und beteiligen sich ausgiebig an den Praktiken und Riten, die eine Eingliederung in die türkische Erasmuskultur erfordert. Diese bestehen, die geübte Leserin erahnt es schon, aus dem ausgiebigen Konsum alkoho-lischer Gaumenschmeichler und der Teilnahme an (a)rhythmischen Tänzen in den heiligen Stätten des Erasmus. Tagsüber werden dann – so ein Auslandssemester dient ja schließlich dem kulturellen Austausch – mit allen anderen Gläubigen die Zeugnisse der türkischen Kultur bestaunt. Die Organisatorinnen sind meist einheimische Studierende, die sich mit viel Begeisterung den Besucherinnen aus Europa widmen.

Lisa selbst studiert eigentlich recht gerne und verzichtet in der Regel auf den ekstatischen Gruppentaumel. Stattdessen geht sie zu ihrer Uni, dessen Gebäude ursprünglich als Einkaufszentrum konzipiert war. Wirklich praktisch ist es, mit der Rolltreppe in den Seminarraum und in den Pausen ins Erdgeschoss zum Kaffeetrinken bei Starbucks zu fahren. Wenn sie gerade nicht studiert, führt sie den Hund ihrer Mitbewohnerin spazieren. Weil es aber in Anbetracht der wachsenden Erasmusindustrie gar nicht mehr so einfach ist, eine Wohnung zu finden, muss sich Lisa arrangieren. Mit dem Hund: kein Problem.

Mit ihren dezent derangierten Mitbewohnerinnen, die zwischen Ehekrieg und multiplen Persönlichkeiten nahezu alle Facetten eines komplizierten Miteinanders aufzufahren wissen, ist es schon schwieriger. Eine Wohnung zu haben ist aber bekanntermaßen besser, als keine zu haben. In jedem Fall sind die Spaziergänge zwischen organisierten türkischen Gassigeherinnen und gut gepflegten Straßenhündinnen geradezu eine Erholung. Wird man von diesen übrigens gebissen und besteht Verdacht auf Tollwut, dann ist das kein Problem, denn die örtlichen Krankenhäusern haben sich auf solche Fälle eingerichtet. Neben einer Impfung gibt es dort noch einen ehrenvollen Eintrag in das Martyrologium der Tollwutgeimpften.

Trotz Tanz, Taumel und Tollwut, sagt Lisa, war es eine wundervolle Zeit. Selten hat sich die nun also Austauscherfahrene so willkommen gefühlt wie in der Türkei!

Dinah Pfau

Foto: Surreal Name Given; Flickr; CC by 2.0
Beschnitt und S/W: Thomas Schwaiger