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ZurQuelle Magazin

von und für Zaubernde

»Deutschland muss sterben, damit wir leben können«. Das wussten schon Schiller und Goethe. Doch alle vier Jahre erhebt sich die Nation mit Pickelhaube zu neuen Großmachtsfantasien, die sich in ein großes und metaphysisches »Wir« transzendieren.

»Ein Deutscher ist ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben.« (Adorno)

Die Falten in der Stirn werden tiefer. Der Weltschmerz schwillt an zur ultimativen Entfremdung, gepaart mit depressiven Schüben und Panikattacken. Die Bildzeitung schreibt über »Heimat«. Es ist wieder WM-Zeit. Die Zeit der Deutschlandfahnen und der Fangesänge, die sowohl transmedial als auch im echten Leben ständig deine Ohren peinigen.

Die Banalität des Bösen

Sogenannte Freunde laden dich ein, sie wollen »das Spiel« gucken. Denn »die Deutschen« spielen. Du möchtest weinen vor Anspannung, während der soziale Druck dich zwingt die Contenance zu wahren. Denn natürlich wollen alle »das Spiel« sehen. Am besten in einem Biergarten, in dem man sich am Ende dümmlich in die Arme fallen kann.

»Ohhh wie ist das schön!«, brüllt das Volk, bevor es sich in euphorischer Entgleisung das WM-Trikot vollkotzt. Die Kinder freuen sich, dass die Erwachsenen mal witzig sind und brüllen fleißig mit, wie damals der Urgroßvater bei der HJ.

Oder es kommt anders und »wir« verlieren. Dann können auch echte Männer mal weinen. Schließlich wurde der Stolz des Vaterlandes mit Füßen getreten. Ein Zivilisationsbruch wie das Badehosenfoto von Gauland. In Scham versunken werden sie sich schniefend und triefend die Tränen mit Seiten aus der Gratis-Bild trocknen und sanft das Deutschlandlied säuseln.

Desinteressierte haben schon verloren

Wenn du dann mitgeschleppt wirst, völlig desinteressiert und entnervt, hast du schon verloren. Alle werden dich nach jeder Torchance erwartungsvoll anschauen. Hasserfüllt und irritiert werden sie auf jegliches Zeichen von Emotionen in deiner Trauerkloßfresse achten. Sie werden versuchen, dich zu animieren: »Freu dich doch mal! Wir führen!«. Du wirst wiederum mantraartig wie in Trance Passagen aus »Dialektik der Aufklärung« rezitieren, während dir ein Besoffener das Trommelfell kaputt vuvuzelat. »Fun ist ein Stahlbad« (Adorno/Horkheimer: Dialektik der Aufklärung, Suhrkamp 2003, S. 162).

Es gilt zu Überleben

Als vaterlandsloser Geselle wirst du zur WM eine Zeit der Isolation und Entsolidarisierung erleben. Aber wie auch immer du das pervertierte Volksfest überstehst – ob mit dem Verlust von 100 Facebookfreunden, einem fiesen Magengeschwür oder einem blauen Auge nach euphorischer Freude über Deutschlands Vorrundenaus – du wirst ein stärkerer Mensch sein. Wichtig ist zu überleben, denn das ist das schwerste. Aber komm schon, Kopf hoch! gemeinsam schaffen »wir« das!

Du willst dich jetzt nur noch irgendwo verkriechen? Dann guck hier!

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