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von und für Zaubernde

Nach einem anstrengenden Tag auf der Arbeit kann ich es kaum erwarten, in die Hölle zu fahren. Sie ist zwischen 43 und 62 Jahre alt, trägt die guten alten Spandex-Leggins aus kommunistischer Produktion („Ditt war noch Qualitääät!“) und heißt Frau Schneider.

Vielleicht auch anders,  jedenfalls schmückt ihre Klingel einen der fünf häufigsten deutschen Nachnamen. Im Schutze dünner Rigips-Wände massieren zarte Schlagerklänge tagtäglich ihre Ohren und so wiegt Wolfgang Petry auch mich jede Nacht in den Schlaf. Morgens stärkt sich Frau Schneider gerne mit einer guten Portion Hausfrauen-Sport. Das Antlitz meiner jungen Mutter tanzt dann in einem Bilderrahmen auf meiner Fensterbank Ballett. Ich schlurfe auf vibrierendem Parkettboden ins Badezimmer und bin überhaupt nicht angepisst.

Nächstenliebe, Toleranz, das predigt Gott in der Hausordnung aller Hausordnungen. Spätestens als eines Abends die Polizei bei mir klingelt, weil „jemand im Haus“ sich von meiner Lautstärke gestört fühlt, werfe ich diese Prinzipien über Bord. Frau Schneider hat sie gerufen, weil mir um 23 Uhr in einem Anfall motorischer Talentlosigkeit mein Handy auf den Boden gefallen ist. Ich wünschte, das wäre ein Scherz.

Warum also ein Herz für Frau Schneider? Frau Schneider hat mich in dem Glauben bestätigt, den Herr Hartmann, mein katholischer Religionslehrer, mir jahrelang versucht hat auszutreiben: Es gibt keinen Gott. Manche Menschen sind abgrundtief scheiße und man sollte sich glücklich schätzen, wenn sie nicht nebenan wohnen.

 

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