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von und für Zaubernde

Ich saß in der  S1, auf der Suche nach einer Idee für ein Herz, und wollte nicht schon wieder mit einem halbherzigen Weihnachts-, oder Silvester-Countdown aufwarten. Mein Professor riet mir immer dazu, Situationen einzuatmen. Die kleinen Momente zu sehen, zu fassen und auszuschmücken. Eine Moral zu erkennen. Mitzufühlen.

Also betrachtete ich meine Sitznachbarin. Ich stellte sie mir in den Farben eines Wes-Anderson-Films vor, eine liebenswerte und pragmatische Mittvierzigerin, eine Anti-Heldin, eine tragische Figur? Ich beobachtete, wie sie an einem Stück Nagelhaut an ihrem Zeigefinger herum zupfte. Ich scannte mein Gehirn nach passenden Adjektiven für ihre schwarze Cartier-Uhr. Ich schrieb. Als ich den Stift vom zerknitterten Papier meines Notizbuches absetzte, ergab sich folgendes Resultat:

Herz-Idee: Dicke Frau mit ekligem Tick

WOW!  Hunter S. Thompson konnte einpacken. Der Grad an journalistischer Leistungsfähigkeit sendete mir kalte Schauer über den Rücken. Ich flüchtete mich in mein PR-Büro, setzte mein konzentriertes Arbeitsgesicht auf und schreibe nun beschämt diesen Murks zu Ende. Dieser Text ist ein Schuss in den Ofen. Er hat Schiffbruch erlitten, eine Bauchlandung gemacht, er wird immer länger und leerer und ich habe verkackt.

Bitte sei sehr enttäuscht von mir, lieber Leser. Dann sind wir schon zu zweit.

Nächstes Jahr wird besser, ich schwör’s mir. Die post-weihnachtliche Belastungsstörung vernebelt mir die Sicht. Siehst du, da fang ich schon wieder mit einer Weihnachts-Phrase an. Ich hör jetzt auf, schäme mich und verlange ein Tröstebonbon.

 

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