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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Als wären wir alle Stundenblumen setzt die Zeit unserem irdischen Dasein eine Grenze (oder je nach Betrachtungsweise sogar das Ende).

Irgendwann haben wir sie, ganz nach unserer menschlichen Gewohnheit, bezwungen und in Sekunden, Minuten, Tage und Jahre gepresst. Aber wann haben wir begonnen uns diesem – zugegebenermaßen beeindruckenden – linearen und vor hexagesimaler Ästhetik nur so strotzenden System ganz und gar zu unterwerfen?

Und vor allem: Wer hat beschlossen, dass das Ende der Zeitverschwendung gleichzeitig ihre Erfindung als Sünde war? Gibt es wirklich vergeudete Zeit und kann man Zeit verlieren? Wie wäre es zu leben, ohne dieses täglich einengende Gefühl in einer bestimmten Zeit etwas schaffen zu müssen, und ist es überhaupt noch möglich, Zeit als etwas Relatives zu betrachten?

An jeder Ecke stehen graue Herren, verpaffen hämisch grinsend unsere Zeit. Je mehr Zeit wir einsparen, desto »kürzer« werden die Tage und wir vergessen immer mehr, im Jetzt zu leben. Zeit ist überall und immer, sie ist Geld und in Chronos und Konsorten sogar zum Gott erhoben – auf jeden Fall aber ist sie überbewertet.

Momo wusste, was geht

»Zeit ist Leben. Und das Leben wohnt im Herzen«, schreibt Michael Ende in Momo – und wohin kämen wir denn, wenn wir nicht ab und zu auf unsere innere Stimme hören würden? Wir sollten unsere Bezwungenheit also bezwingen; Schande über alle, die diesen Text nur deswegen lesen, weil er kurz ist!

Wir sollten Geburtstage ohne Zahlen feiern – a very merry un-birthday! – und das Studium abbrechen, ohne auch nur einen Gedanken an verlorene Zeit zu vergeuden. Wir sollten ohne schlechtes Gewissen Die schönsten Bahnstrecken Deutschlands gucken und solange im Bett bleiben, bis das Gefühl verschwindet, wir verschwendeten damit Zeit. Unsere Uhren sollten wir im Klo versenken und nur noch selbst die Stunde bestimmen – oder einfach mal wieder Momo lesen.

 

Text: Patricia Nigrini

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