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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Waren Kinder in den 90ern etwa allesamt Rassistinnen? Und waren Geburtstage wirklich so schön, wie sie unsere Erinnerung nacherzählt?

Wer seinem vierten Lebensjahrzehnt in rasantem Tempo entgegenstolpert und die eigenen Geburtstage zumeist nur als schwitzende Gastgeberin in der Küche verbringt, denkt beizeiten sicher an den Zauber, den diese Tage einst auf sie auswirkte. Nächtelange Schlaflosigkeit und dabei nichts als die bunten Geschenke, leckeren Kuchen und wilden Spiele im Sinn.

Quiekende Kreischkrämpfe unkontrollierter Kinder

Aus der sicheren Perspektive der postadoleszenten Wohlfühlzone heraus ist so ein Kindergeburtstag jedoch eine zwiespältig zu bewertende Veranstaltung und die Fotos von früher verfälschen die Erinnerung. Denn wer klebt schon Bilder von weinenden Kindern in sein Album? Und klar ist: Geheult wurde immer. Und das Geburtstagskind, das an diesem Tag natürlich toller und besonderer war als alle anderen Kinder, war aufgrund der unerfüllbaren Erwartungen an diesen Tag geradezu prädestiniert für die wildesten Tränen- und Wutausbrüche. Zu den besonderen Geburtstagsprivilegien gehörte unter anderem das Eröffnen der Spiele. Und was da so gespielt wurde in den frühen Neunzigern! Wenn Mutti sich nicht die Nacht um die Ohren geschlagen hatte, um ausgefallene Stadtrallyes und Schnitzeljagden für zwanzig Kinder auf die Beine zu stellen, griff man auf die üblichen Standardspiele aus dem Kindergarten zurück. Allein beim Gedanken an die Titel höre ich den UN-Menschenrechtsrat an die Tür klopfen: Ein großer Renner war beispielsweise das »Negerkuss«-Wettessen ohne Zuhilfenahme der Arme, bei dem man sich unter dem Quieken und den Anfeuerungsrufen der Umstehenden vollständig mit Sahne beschmierte. Hatte man die Möglichkeit, die Spiele nach draußen zu verlagern, ließen wir uns bei »Wer hat Angst vorm schwarzen Mann?« jagen. In der kleinsten Hütte hingegen war Platz für die »Reise nach Jerusalem«, bei der aus irgendeinem Grund immer einer nicht mitdurfte.

NPD-Dorffest und Kinderparty: what’s the difference?

Heutzutage klingt das alles sehr stark nach NPD-Dorffest und mittlerweile wurde der »schwarze Mann« immerhin durch weiße Haie oder Ähnliches ersetzt. Dabei ist der Spieltitel überaus passend, wenn man den Ursprung der Kinderschreckfigur bedenkt. Der Name ist zurückzuführen auf die Pest, den »schwarzen Tod«. Damals war der »schwarze Mann« eine schwarzgekleidete Person mit gruseliger Maske, die die Pest-toten abholte. Folgerichtig sind die Spielregeln superklug: Jede, die angetippt, also von der Pest befallen wird, ist selbst Träger der Krankheit und am Ende bleibt nur eine gesunde Gewinnerin übrig. Ein prima Geschichtsspiel eigentlich. Trotzdem klar, dass das Spiel aufgrund seines Titels heute an Beliebtheit eingebüßt hat. Wissen wir doch, dass sich nicht nur Krankheiten, sondern auch Rassismus rasend schnell unter Dummköpfen ausbreiten kann.

Bei der Reise nach Jerusalem gab es keine Namensänderung. Überhaupt ist die Herkunft des Namens bei diesem Spiel nicht vollständig geklärt. Man munkelt, er könne sich auf die mittelalterlichen Kreuzzüge beziehen, oder auf das begrenzte Platzangebot auf Auswanderinnenschiffen zur Zeit des Zionismus.

Kinderreime lassen Menschen sterben

Auch musikalisch stößt man im Nachhinein auf viele befremdliche Textzeilen aus der Kindheit: Zehn kleine Negerlein war für uns damals ein super Song, bei dem man das Rückwärtszählen perfektionieren konnte. Zurück geht es auf das amerikanische Lied Ten Little Injuns von 1868, mit dem zunächst Indianerinnen diffamiert wurden. Schon ein Jahr später wurde es zu Ten little Niggers umgereimt und damit zum Standardrepertoire der US-amerikanischen Blackface-Minstrel-Shows.

In ostdeutschen Kindergärten lernte man zudem noch ein Lied, das vor dem Kaffee als einem »Türken-Trank« warnte: »Sei doch kein Muselmann, der das nicht lassen kann«, wurde den Kindern da eingebläut, denn das Getränk mache sie »blass und krank«. Zu der Zeit, in der Carl Gottlieb Hering den Song komponierte, wurde das Osmanische Reich gern als »kranker Mann am Bosporus« verhöhnt und die Türkinnen als ner-vöse, kranke Koffeinsüchtige präsentiert. Heute hat sich das wohl ins Gegenteil verkehrt: Muslime sind in rechtsextremen Kreisen die stets gewaltbereiten hypermännlichen Feinde, gegen die montäglich protestiert werden muss; mit Caffè latte in den blassen Händen.

Doch die Welt dreht sich eben weiter. Und auch die Kindergeburtstage sind nicht mehr das, was sie einst waren: zum Glück. Denn an Geburtstagen stehen heute Exkursionen ins Mitmach-Museum an, der Theaterfundus der Schauspieler-Oma wird geplündert, die Maskenbildnerin von Mutti schminkt die »Looks« der Stars nach. Gespielt werden viel lieber Spiele, bei denen niemand verlieren kann, nicht solche, bei denen ein »schwarzer Mann« sein Unwesen treibt. Vegetarisches Catering gewöhnt, beschwert sich heute kein Kind über die gräulichen Dinkelkekse und den Rohkostteller beim Geburtstagsessen. Das hätte damals kein Erwachsener gewagt, denn da bestimmte noch das Geburtstagskind, heute eher die Tim Mälzers und Sarah Wieners.

Yana Duckwitz