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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Körper sind ziemlich annoying und einschränkend. Körperlos wäre alles besser.

Nur zu gerne würde ich meinen einfach mal ablegen und, von diesem ekeligen Fleischballast befreit, geistartig durch den Raum schweben – das entspräche wirklich meiner Natur. Es ist ein Wunsch, der mit jedem weiteren Reifejahr dieses pflegebedürftigen Wurmfortsatzes meines Geistes nur noch größer wird. Sicher: Irgendwann wird er ohnehin abgelegt und dem Feuer oder dem Gewürm zum Fraß angeboten. Doch leider wird auch dann wenig Hoffnung darauf bestehen, schwerelos umherzuflattern, um als Gespenst Angst und Schrecken zu verbreiten. Denn wie von Forschern der Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne nun herausfanden, sind Geister leider nicht echt, sondern sie sind, Zitat: »eine illusorische eigenen Körperwahrnehmung mit gut definierten Eigenschaften, die durch sensomotorischen Verlust durch Läsionen in drei verschiedenen Hirnregionen (nämlich dem temporoparietalen, dem insularen und besonders dem frontoparietalen Kortex) verursacht wird.« Damn you, science!

Heraus fand man das übrigens mit einem Roboterarm, der zeitversetzt die Bewegungen auf den Rücken der Probandinnen wiederholte, die sie kurz vorher selbst ausführten. Diese zeitversetzten Berührungen werden von den Teilnehmerinnen an der Studie dann ähnlich dem Gefühl beschrieben, das uns zuweilen im Dunkeln befallen mag: nicht allein zu sein. Nunja, da also auf das Leben als Geist nun nicht mehr zu hoffen ist, möchte ich in meiner Niedergeschlagenheit nun gerne ein erbauliches Gedicht zitieren und mit diesem schließen:

Es wird der bleiche todt mit seiner kalten hand / 

Dir endlich mit der zeit um deine brüste streichen /Der liebliche corall der lippen wird verbleichen; 

Der schultern warmer schnee wird werden kalter sand /Der äugen süsser blitz / 

die kräffte deiner hand / Für welchen solches fällt / die werden zeitlich weichen / 

Das haar / das itzund kan des goldes glantz erreichen / Tilgt endlich tag und jähr als ein gemeines band.

Der wohlgesetzte fuß / die lieblichen gebärden / Die werden theils zu / 

theils nichts und nichtig werden / Denn opfert keiner mehr der gottheit deiner pracht.

Diß und noch mehr als diß muß endlich untergehen / Dein hertze kan allein zu aller zeit bestehen /

Dieweil es die natur aus diamant gemacht.

 

Christian Hoffmann von Hoffmannswaldau: 

Vergänglichkeit der Schönheit, 1695.

 

Christopher Gripp