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von und für Zaubernde

Wenn alle Stricke reißen: Gamification. Motivation über fake-Spiele. Damit die Arbeit Spaß macht, gesunde Kompetition Einzug ins Leben hält und wir uns mit kleinen dummen Belohnungen den Sinn des Lebens erstreiten. Voll gut. Oder auch nicht, ne.

Es gibt nicht viel, was an einem Montagmorgen unspektakulärer sein könnte als französische Grammatik. Selbst einer über alle Maßen frankophilen Dozentin bleibt nur ein letzter verzweifelter Versuch, um dem kollektiven Desinteresse entgegenzuwirken:

Für jede richtige Antwort gibt es jetzt ein Bonbon. Imaginär, ist klar, aber wow, geil, Bonbons! Die Reaktionsfähigkeit explodiert förmlich. Einige wählen die noch exquisiteren Pralinen. Können sie haben – es bleiben doch nur Striche auf der Tafel. So schafft diese virtuelle Banalität unverhofft ungebändigten Eifer und 90 Minuten fiebriger Grammatiklust. Es scheint so stupide und trotzdem sammeln doch alle gierig, wollen besser sein, wollen mehr Bonbons als die anderen haben.

Natürlich ist Spielen super. Aber so? Langweilige, dumme Aufgaben in der echten Welt durch positive Spielelemente aufzuwerten, ja in etwas richtig Geiles zu verwandeln, das ist Gamification. Durch die Spannung und Begeisterung beim Spielen soll in realen Kontexten mehr Motivation entstehen. Natürlich ist die Sache etwas komplexer als Bonbons zu versprechen und Striche zu machen. In vereinfachter Form trifft es aber den Kern: Sammeln, Vergleichen und Konkurrieren sind hierbei offensichtlich wichtige Komponenten des Konzepts. Es muss aber noch krasser werden: Kaum werden Killer-And-Explorer-Elemente eingebaut, also echter kompetitiver Wettkampf und die Möglichkeit, vermeintlich frei und selbstbestimmt Erkundungen anzustellen, und wir möchten nie wieder aufhören, unglaublich langweilige Aufgaben zu erledigen. Welch ein Traum.

Schwedinnen fahren dank dieses Konzepts schon langsamer Auto. Andere Menschen treiben mehr Sport oder sparen so Strom. So könnte die Zukunft der Arbeit, der Bildung, der Welt aussehen. Zumindest dann, wenn ist nach der Gamificationindustrie ginge. An Manipulation ist nicht zu denken, denn Spielen macht schließlich immer Spaß.

Noemi Christ