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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Wir lieben es zu popeln. Wenn du zuhause vor dem Laptop sitzt, tust du Dinge, die du nicht in der Öffentlichkeit tun würdest, einfach, weil du dich unbeobachtet fühlst.

Vielleicht machst du es dir hie und da mal selbst, die allermeiste Zeit sitzt du allerdings nur da, schreibst einen Artikel für ZurQuelle, surfst bei Facebook oder liest Artikel auf Wikipedia über Aleuritinsäure. Dabei spielst du vergnügt an dir herum.

Für eine geübte Hackerin sollte es kein Problem sein, auf deine Webcam zuzugreifen. Und das kommt vor: Häufiger als man denkt und mit Sicherheit häufiger, als wir das mitbekommen. Hackerinnen sind gewitzt. Im Grunde wissen wir, dass unsere Privatsphäre nur noch eine Illusion ist. Diesen Vertrauensbruch beziehen wir aber meistens nur auf private Nachrichten und interne Social-Media-Beiträge. Doch wir können davon ausgesehen: Wer dazu in der Lage ist, uns über unsere Webcams auszuspionieren, der wird es auch tun.

Dennoch popeln wir ganz vergnügt, zwirbeln unsere Haare oder kauen auf den Fingernägeln herum (und manch eine vielleicht auch auf den Fußnägeln)? Jetzt könnten wir aufschreien: »Ich will meine Privatsphäre zurück, ich will wieder unbeobachtet popeln!« und unsere Webcams zukleben. Aber warum eigentlich nicht den Spieß umdrehen?

In der Schule hatte ich einen Mitschüler, der sich aus Nervosität und ohne es zu merken während eines Vortrags durchgängig an den Eiern herumspielte. Das sorgte für Gelächter. Aber das ist heuchlerisch: Alle spielen an sich herum, ausnahmslos. Das liegt in unserer Natur und selbst die Queen popelt. Die durch Sozialisation erworbene Scham, es nicht in der Öffentlichkeit zu tun, ist heutzutage eigentlich überflüssig.

Auf die Straße zu gehen und ungehemmt seine privatesten Teile zu kraulen, ist vielleicht die einzige Möglichkeit, das Tabu zu brechen. Denn sich für etwas ganz Natürliches zu schämen, das kann nicht gesund sein.

Frank Fruchtig