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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

Wer ZurQuelle schon ein bisschen länger kennt, wird sich an unsere WM-Song-Reviews aus dem Jahr 2014 erinnern. Und nun ist wieder WM und ihr wisst, was das bedeutet. Seit Wochen sitzen wir Tag und Nacht vor unseren Rechnern und hören WM-Songs. Sie sind alle furchtbar, aber ihr, liebe Leserinnen und Leser, ihr seid es uns wert.

Louniverse – Like a Sputnik

Kriegerische Atmosphäre. Kinder mit Blechtrommeln, sportliche Frauen in knappen Kadettinnenuniformen. In Bester Cold War-Manier wird dazu der Sputnik besungen. Der Sänger sitzt auf einem Thron, trägt eine Offiziersuniform und gibt sich herrschaftlich. Seine Brust ist vor Stolz geschwellt, schließlich hat er den offiziellen WM-Song für Russland hingerotzt. 

Die Kommentatoren bei Youtube sind sich einig: »Hurre Geil«, schreibt z.B. der User »Kein Bock auf diesen Kommentar«. Wer den Song kaufen möchte, kann entweder mal bei Itunes suchen oder sich beim Psychiater Tabletten verschreiben lassen.

Die Ganter – Wir haben wieder eine Mannschaft

Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht. Der Mutige ist Die Ganter. Genauer: Didi Deutsch und Hansi Schland. Schief und lieblos klatschen sie uns ein Fußball-Klischee nach dem anderen vor den Latz, doch dann: Plot-Twist: Alles berühmte Fußball-Zitate. Der Ball ist rund und muss ins Eckige ist so eins. Oder ein Spiel dauert 90 Minuten. Auch so eins.

Dann kommt der Refrain und es gibt kein Halten mehr, weil keiner mehr halten kann oder will, weil das alles so doof ist. Wir haben wieder eine Mannschaft (Hey, das ist der Titel des Songs!), mit der macht die Welt jetzt Bekanntschaft. (REIMALARM, Kinder, geht lieber vor die Tür, wenn die Hütte gleich zu brennen beginnen wird.)


Aber und hier, Ganter, habt ihr eine ganz elementare Prämisse übersehen: Deutschland hatte immer eine Mannschaft, weil besoffene Deutsche nun mal Bock haben, eine Mannschaft zu haben, zu der sie aufblicken können. Das also, GANTER, ist keine NEUIGKEIT FÜR UNS! Aber gut, wir haben wohl auch ein Team, mit dem wir ins Finale einzieh’n. Das reimt sich und dazu sehen wir einen ungepflegten Garten, in dem alte Männer in Deutschland-Memorabilia gekleidet sind und singen und so tun, als könnten sie Fußball spielen.


Und das Schlimmste: Da steckt auch Selbstironie drin. Aber nicht diese geile Selbstironie, wie sie geile kluge Leute haben, sondern die Selbstironie echter Fußballfans, die wissen, dass ihre Musik scheiße ist und die deshalb so tun, als fänden sie es witzig, dass sie Scheißmusik machen, in Wirklichkeit aber stolz auf ihre Scheißmusik sind. Das ist so meta, dass wir uns das gar nicht mehr anhören können. Gute Nacht, Didi und Hansi. Möget ihr ins Finale einziehen oder whatever.

Christina Lah – Sieger (Summerdream)

Bei der WM geht es um Völkerverständigung und Begegnung in Freud und Leid. Hauptsache am Ende werden wir siegen und die anderen nicht. Dank Christina Lahs Haus und Maus-Reimen steht auch ein Lied bereit, mit dem Deutschland die gegnerische Abwehr wie von Sinnen einrennen kann. Wenn Meister auf Weltmeister gereimt wird, ist der künstlerische Höhepunkt erreicht und der Gegner liegt handlungsunfähig mit blutenden Ohren auf dem Rasen. Aber: Fairness ist die Macht! Das lehrt uns die Christina, die im Leben außerhalb der WM Hochzeitssängerin ist. Ihren kosmopolitischen Habitus macht sie auch in ihrem Song »Be Welcome« deutlich. Da singt sie: »come together black and white, put your jealousys aside!« (136 Aufrufe bei Youtube).

Land mit D – Sieben

Der Rückfall in die Barbarei spiegelt sich bereits in der pathostrunkenen deutschtümelei, mit der Rockbands hierzulande ihre Herrenbünde besingen. In hedonistischer Realitätsverdrängung werden Reviere markiert, nichts sei »musikalisch […] deutscher […] als ein WM-Song für unsere Jungs«.
Die Anrufung des Kollektivs in mythoslastiger Sentimentalität, verdrängt jedweden Selbstzweifel, während der vergangenheitsvergessene Nationalstolz den Weg in die endgültige Pervertierung und die Rückbesinnung zum »Herrenvolk« weist.

Die musikalische Einfältigkeit, die Anrufung von Emotionen und Kollektivsymbolen, schreibt das fort, was der »Volkswille« seit Jahrzehnten ersehnt: Das endgültige Ende der Vernunft und der Rückfall in kleinbürgerliche Zeiten der Abgrenzung und Faschisierung.

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