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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Toni Erdmann im Jahresrückblick 2016: Wir blicken zurück auf ein Jahr, das im allgemeinen Jahresrückblick nicht allzu gut wegkommt. Wir gucken aber nicht nur auf Trump.

14.07.: Toni Erdmann und die Rettung des deutschen Kinos

 

Der Moment, wenn du einfach nur in deinem Kinosessel sitzen bleiben willst mit all denen, die diesen Film mit dir gesehen haben, weil ihr alle irgendwie das Gefühl habt, Freunde untereinander und mit diesen zwei Wesen auf der Leinwand geworden zu sein.

Du weißt nicht ganz genau, was mit dir passiert ist, aber du hast so ein tiefes Grinsen, sowas Zufriedenes in dir drin. Ein Gefühl, das sich sonst nur in wehmütigen Fantasien von ganz vielen herumtollenden Enkelkindern und Fincas in Sonnenuntergängen und Südfrankreich einstellt.

Du hast das Gefühl, verstanden worden zu sein, von einer Vaterfigur, die deine hemmungslosen Anarchotriebe (»endlich mal auf den ganzen Scheiß hier scheißen«) und die Sehnsucht nach einem Elternteil als teilnahmsvoller Freund befriedigt. Aber auch von einer Tochterfigur, deren gestresstes Streben du bis in die Pore nachvollziehen kannst, weil es auch jede Minute deines eigenen Studi-Seins durchdringt und neben dir mehrere deiner Freunde depressiv gemacht hat. Und von den beiden als Couple, die dich mit der unglaublichen Leichtigkeit, die sie entwickeln, schweben lassen.Und das sind eben nicht französische Esoteriker, sondern Menschen, die sich in ihrer Deutschigkeit ganz verdammt vertraut anfühlen. Und nicht nur vertraut, sondern auch so echt in ihren Widersprüchen, Nöten, Hemmungen und Trieben, dass du sie vor deinem inneren Auge anfassen könntest.

Und wenn der Film dich dann trotzdem zum Lachen gebracht hat, obwohl du sonst nie bei Filmen lachst. Wenn du dich gut unterhalten gefühlt hast, auf eine leichte, tiefe Weise, die weder etwas mit Guilty Pleasure, noch mit ermüdendem Symbolismus oder abstraktem Intellekt zu tun hat. Du willst ihn auskosten, diesen Moment in Erinnerung behalten, an die Wand nageln und eigentlich jedem Produktionsbüro in Deutschland als Ermutigung schicken.

Dieser Moment passiert nie. Bis du Toni Erdmann siehst.