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Das gesellschaftskritische Popmagazin

Terror – Der Film im Jahresrückblick 2016: Wir blicken zurück auf ein Jahr, das im allgemeinen Jahresrückblick nicht allzu gut wegkommt. Wir gucken aber nicht nur auf Trump.

17.10.: Terror – Der Film

86,9 % der deutschen Fernsehzuschauer entschieden im Oktober kurzerhand lässig, dass die Menschenwürde, die heilige Mutter unserer Verfassung, im Einzelfall zu opfern sei. Da saßen sie vor dem Fernseher und schauten das Tv-Event „Terror – Ihr Urteil“. Geopfert wurde die Würde zum Beispiel, damit der schmucke Bundeswehrpilot Lars Koch nicht wegen Mordes an 164 Menschen ins Gefängnis muss, obwohl er sehenden Auges ein Passagierflugzeug abgeschossen hatte. Das wird man ja wohl noch klicken dürfen. Das TV-Event schlug hohe Wellen, die zu diskutieren leider in ihrer Vielfalt  den Rahmen dieses Beitrags sprengen würden. Es bleiben einige Anmerkungen zum deutschen Staatsfernsehen, der direkten Demokratie und der Zukunft der Menschenwürde.

Wo sitzt eigentlich das Schwurgericht?

Aus Sicht der ARD lief alles blendend – Die Zuschauerzahlen stimmten, das Ergebnis fiel erwartet skandalös aus und noch Tage später lieferte sich das Bildungsbürgertum auf allen Kanälen eine gepfefferte Diskussion – ob bei Facebook, in der U8 oder beim Stammtisch. Während Martina Gedeck als einzige Darstellerin wirklich überzeugen konnte (unter anderem weil die Rolle der taffen Staatsanwältin beim tatortgeschädigten Publikum immer gut ankommt) war der Film ansonsten leider ziemlich langweilig. So langweilig, dass man begann, sich zu fragen, seit wann es im Regierungsviertel überhaupt ein „Schwurgericht“ gibt und wo genau dann die Grenze der Gewaltenteilung verliefe, wenn sich Abgeordnete, Minister und Richter mittags in der Mensa träfen.

Wo ist die goldene Mitte?

Außerdem zeigte dieses Event zum zweiten Mal in diesem Jahr, warum direkte Demokratie in Zeiten, in denen die Vertrauenswürdigkeit von Informationskanälen proportional zur Auffassungsgabe der Gesellschaft zu schrumpfen scheint, ein gefährliches Entscheidungsspielzeug ist. Das Dilemma ist nämlich nicht, ob Lars Koch schuldig oder unschuldig ist oder ob Großbritannien besser in der EU dasteht oder nicht. Das eigentliche Problem besteht darin, dass Menschen suggeriert wird, sie hätten aufgrund von begrenzten Informationen die Expertise, über eine sehr weitreichende Frage zu entscheiden. Besonders dann, wenn diese Frage in Form einer Ja/Nein-Frage gestellt wird, sollten alle Alarmglocken klingeln. Denn meistens gibt es eine vorzugswürdige Lösung dazwischen. Die wurde hier leider von der ARD unterschlagen.

Und wo ist die Menschenwürde?

Und die Würde, dieser ewige Wortspagat zwischen Konjunktiv und moralischer Seinsbestimmung des Menschen? In Zeiten von Terror und Trump ist das oberste Grundprinzip der Verfassung anscheinend leider keine besonders hohe Augenzahl mehr auf dem postfaktischen Argumentationswürfel. Eine große Mehrheit der deutschsprachigen Fernsehzuschauer mag dem zustimmen. Aber seid gewarnt – es lauern überall Gefahren, nicht nur in den zwei mit T beginnenden Unworten des Jahres 2016. Sofort schießen bringt einen selten weiter. Vielleicht würde die Achtung der Würde wirklich Wunder wirken.