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ZurQuelle Magazin

Das gesellschaftskritische Popmagazin

An der Universität ist die (professorale) Vorlesungen ein Auslaufmodell. Völlig zu recht, denn da reden Menschen, die möglicherweise über ein Thema Bescheid wissen. Stattdessen rult in den Seminaren das Format des studentischen Vortrags: lieblos Zusammenwikipediertes möglichst scheiße vorgetragen.

Was ist der Zweck studentischer Vorträge? Ist er die angemessenste Möglichkeit, Wissen zu präsentieren und selbstständiges Arbeiten zu erlernen? Was sind die Beweggründe der Dozentinnen, Seminare um studentische Vorträge herum zu organisieren? Ist es Einfallslosigkeit? Aus einer diffus gefühlten Notwenigkeit heraus? Faulheit? Ritualisierte Routine? Gibt es für Dozentinnen keine intellektuell befriedigenderen Arten, ihre Arbeit zu erledigen? Sicher, der studentische Vortrag hat das Potential, Seminare zu beleben, er verspricht Abwechslungsreichtum usw., aber erfüllt hat er diese Versprechen nicht.

Zur Quelle erwartet nicht, dass sich am studentischen Vortrag in nächster Zeit was ändern wird. Wir erkennen jedoch eine wachsende Ungeduld mit studentischen Vorträgen, besonders unter ihren Hauptopfern, den Studentinnen. Nur sein beschleunigter Verfall kann den studentischen Vortrag zu seinem unvermeidlichen historischen Ende bringen. Machen wir ihm den Gar aus, indem wir ihn möglichst scheiße machen.

 

An die Vortragenden: Deprimierender Vortrag vor deprimiertem Publikum in 8 einfachen Schritten

    1. Der mündliche Vortrag darf auf keine Fall leisten, was ein aufgeschriebener Text nicht auch hätte leisten können. Je mehr sich deine geduldigen und höflichen (bzw. Geduld und Höflichkeit fingierenden) Zuhörerinnen fragen, warum sie den vorgetragenen Text nicht zuhause mit einem viel größeren Maß an Aufmerksamkeit und Aufnahmefähigkeit selber lesen, desto erfolgreicher deine Mission.
    2. Lies deinen Vortrag Zeile für Zeile mit monotoner Stimme vor (die alte Vortragsleier). Verschwende deine ganze Konzentration aufs Vermeiden von nervösen Verlesern. Im Versuch, den perfekten Vortrag abzuliefern, kommt so von alleine dieses unausrottbare Leiern raus – so angestrengt ernsthaft, dass man immer glaubt, die Referentin sei erschüttert von ihren eigenen Worten.
    3. Setze Betonungen ohne Bezug zum Inhalt, immer dieselben Betonungen, egal was da betont wird. Oder halt ganz anders. Hauptsache schlecht.
    4. Blicke niemals vom Papier auf (Anfängerfehler), jeglicher Augenkontakt ist zu unterlassen. Die geteilte Anwesenheit und ziviles Miteinander mit anderen Personen sollten von der Referentin ignoriert werden. Auf die sich hier bietende Interaktionsgelegenheit ist keine Rücksicht zu nehmen.
    5. Der vollständige Mangel einer These, noch besser, die totale Absenz von Interessanz und Relevanz ist für foltergleiche Höllenvorträge unabdinglich.
    6. Quetsche ein 20-Minuten-Referat in deine zehn Minuten Vortragszeit. Rede so schnell wie möglich, ohnepunktundkomma. Oder ganz lang-sam le-sen, quälende Glazialgeschwindigkeit. Zu leise reden kann auch nicht schaden.
    7. Direkte Zitate sind das Salz in der Suppe studentischer Vorträge. Sie sind möglichst ausführlich zu rezitieren, am besten um Zeit zu füllen. Eine Powerpoint ohne längere, sich zu Bleiwüsten erstreckende Textblöcke ist so Fun wie ein ISIS-Video ohne Enthauptung.
    8.  Versprich zehn Punkte und liefere acht. Unterlaufe stets jede Erwartung.

 

Hier geht es weiter zum Teil 2: „An die Zuhörerinnen“